1. Einleitung

1.1 Gründungsimpuls: Warum eine Waldorfschule für Rheine und Umgebung?

Die Idee einer Waldorfschul-Gründung ist in Rheine seit Langem präsent. Schon bei der Gründung
des Freien Waldorfkindergartens Rheine vor nunmehr 30 Jahren war auch die Einrichtung einer
Waldorfschule gewünscht. Aus dem über die Jahre fest etablierten Kindergarten gingen mehrere
Schulgründungsinitiativen hervor; so formulierten im Jahr 2009 engagierte Eltern:


„Im Rahmen des Waldorfkindergartens werden Familien schon früh bei der leiblichen,
seelischen und geistigen Entwicklung ihrer Kinder unterstützt. Viele Eltern möchten ihre
Kinder auf dieser Grundlage auch während der Schulzeit betreut wissen und streben den
Besuch einer Waldorfschule an. Oftmals entscheiden sie sich jedoch dagegen, weil der
Besuch der nächstgelegenen Waldorfschule in Münster einen sehr langen Schulweg
beinhaltet, der die Kinder zu sehr belastet. Der Wunsch dieser Eltern veranlasste uns,
gemeinsam den Weg für eine Waldorfschule in Rheine zu bereiten.
Grundlage jeder Gemeinschaftsbildung ist die Begegnung von Mensch zu Mensch.
Eine wahre Begegnung entsteht durch die Bewegung aufeinander zu.
Die Stärke und die Kraft, die daraus erwächst, sollen in unseren Kindern reifen.

Damit diese Vision Wirklichkeit wird, schlossen sich Eltern, Erzieher und interessierte
Menschen seit Anfang 2009 in Arbeitsgruppen zusammen und machten damit den ersten
Schritt zur Realisierung des Schulprojektes „Freie Schule Rheine“.

Das hier vorgestellte pädagogische Konzept versteht sich als Wegweiser, der im Sinne dieser
„Bewegung aufeinander zu“ im Laufe der praktischen pädagogischen Arbeit ständig
weiterentwickelt wird.


1.2 Kurzcharakteristik: Wie sieht unsere Schule aus?

Die Freie (Waldorf)Schule Rheine3 ist eine Schule auf der Grundlage der Waldorfpädagogik, die
nach den von Rudolf Steiner entwickelten Unterrichtsprinzipien, wie sie im Lehrplan von Tobias
Richter4 festgehalten sind, arbeitet. Kern dieser Pädagogik ist – gemäß dem anthroposophischen
Bild des Menschen als Einheit von Körper, Geist und Seele – die ganzheitliche Bildung des
Menschen. Sie zielt daher auf die gleichwertige Entwickung von kognitiven, emotionalen und
kreativen Kompetenzen ab. Nicht die gesellschaftlichen Normen und Notwendigkeiten bestimmen
die pädagogischen Entscheidungen des Lehrers, sondern die kindlichen Entwickungsschritte und
Bedürfnisse. Unsere Vision ist, dass Kinder und Jugendliche in einer angstfreien Atmosphäre
aus Freude und Interesse an lebensnahen Inhalten lernen und so zu umfassend gebildeten,
verantwortungsvollen, selbstdenkenden und freien Menschen heranreifen.
Der Unterricht wird nach dem Gesamtschulkonzept von Kl. 1-12 geführt, davon die ersten acht
Schuljahre im Klassenverband. Alle Abschlüsse der staatlichen Sekundarstufe I können an der
Schule erworben und das Abitur im Anschluss an das 12. Schuljahr z.B. an einer benachbarten
Waldorfschule abgelegt werden (vgl. 3.2 Schulabschlüsse).


1.3 Ziele der Schule: Wozu Waldorfpädagogik?

Ziel der Schule ist, die Schüler und Schülerinnen auf ihrem Weg zu sich selbst und in die Welt zu begleiten. Dieses Ziel der Selbstentfaltung in sozialer Verantwortung erfährt neue Impulse durch den anthroposophischen Grundgedanken des Gleichgewichtes von Innen und Außen, der sich z.B. wiederfindet im täglichen Morgenspruch der Schüler „Ich schaue in die Welt (…) ich schaue in die Seele“. Zu diesem Ziel bietet die Waldorfpädagogik viele praktische Übungswege, die dem Menschen als Gesamtgefüge aus Körper, Seele und Geist gerecht werden, indem sie neben intellektueller Förderung durch vielfältiges künstlerisches Tun die Gefühls- und Willenskräfte altersangemessen ansprechen. Dies wirkt zum einen gesundend auf den einzelnen Menschen und verspricht zum anderen, durch die Erhaltung und Förderung der ursprünglichen Kreativität die Schülerinnen und Schüler zu befähigen, den Fragen der Zukunft mit neuen Impulsen begegnen zu können.

1.4 Unterrichtsprinzipien: Wie wird unterrichtet?

Die Schule bemüht sich, der Vielschichtigkeit des einzelnen Menschen gerecht zu werden in seinem (1) Gesamtgefüge von Leib, Seele und Geist, sowie in seiner (2) Zeitgestalt als Werdender vom Kind zum Erwachsenen und ihn zu unterstützen in seinem Verhältnis von (3) Ich und Welt.

(1) Ansprache auf vielen Ebenen – Ausgang vom ganzheitlichen Menschenbild

Waldorfpädagogik begreift den Menschen als komplexes Zusammenspiel von Leib, Seele
und Geist und bemüht sich entsprechend um eine Ansprache der Schülerinnen und Schüler auf vielen Ebenen, um Unterricht mit „Kopf, Herz und Hand“ (Pestalozzi). Wenn also im täglichen Erzählteil altersangemessene Texte (Märchen, Fabeln, Legenden, Balladen) nach Möglichkeit frei vom Lehrer vorgetragen werden, geht es hier nicht nur um sprachliche Förderung, sondern auch um das Potenzial dieser Geschichten, durch die im Hörer entstehenden Bilder das Gemüt anzusprechen und so als Lebenshilfe zu dienen. Praktische Unterrichtsfächer wie Malen, Handarbeiten und Werken sprechen Phantasie, Geschicklichkeit und Willenskräfte an, indem sie die ursprüngliche Idee mit den praktischen Resultaten konfrontieren. Das ständige Bemühen der Lehrer um eine künstlerische Gestaltung des Unterrichts, z.B. durch eine lebhafte, bildreiche Sprache, trägt ebenfalls zur Ansprache der verschiedenen Ebenen bei und fordert damit dem Lehrer eine ständige, bewußte Selbsterziehung ab.

(2) Lebensphasenangemessen unterrichten – Ausgang vom Menschen als Werdenden


Der Waldorflehrplan stimmt die Unterrichtsinhalte auf die aus den Lebensphasen der Schüler erwachsenden Bedürfnisse ab, z.B. Verbundenheit und Eintauchen, sowie bildhaftes
Lernen und Nachahmungslernen in den ersten Schuljahren (Kl. 1-2), Rubikon-Übergang (Kl.3-4), Begleitung der zunehmenden eigenen Urteilsbildung und allmählichen Ablösung
der Schüler im Laufe der Schulzeit. Dementsprechend gibt es kein Sitzenbleiben, weil die Persönlichkeitsentwicklung des Menschen im Vordergrund steht – und diese hängt nicht von der Beherrschung vorgesehener Stoffe ab. So können sich die Schüler in einer weitestgehend stabilen Klassengemeinschaft von der 1. bis zur 8. Klasse individuell entfalten. Für den Lehrer bedeutet der durch acht Jahre geführte Klassenunterricht ein ständiges Einarbeiten in neue Unterrichtsinhalte, wie z.B. auch Chemie- und Physikepochen in den Stufen 7 und 8 – eine Herausforderung, die sich in ständiger Fortbildung und kollegialer Zusammenarbeit bewältigen lässt und als positives Ergebnis eine frische und aktuelle Verbindung mit dem Unterrichtsgegenstand zur Folge hat, die sich auf den Unterricht belebend und für die Schüler motivierend auswirkt. Ein weiteres Charateristikum ist das Lernen mit „beweglichen, mitwachsenden Begriffen“: Hatten die Schüler in den ersten Jahren genügend Gelegenheit, ihrem Bedürfnis nach in Bilder einzutauchen (z.B. in Geschichten), können diese in den späteren Schuljahren immer wieder neu gefüllt werden.


(3) In Bewegung bleiben zwischen Ich und Welt – Bedeutung des rhythmischen Elementes


Waldorfpädagogik begreift den Menschen auch in seiner Eigenschaft als Lebewesen, das als solches zur Gesunderhaltung Rhythmen benötigt. Sie schafft Rhythmen im Kleinen zunächst einmal durch das Prinzip des Atmenden Unterrichts, in dem lebhafte Tätigkeiten mit ruhigen abwechseln; dies drückt sich in der Struktur des Unterrichts (Rhythmischer Teil, Hauptteil, Erzählteil s.u.) aus. Darüberhinaus findet der natürliche Tag- und Nachtrhythmus Berücksichtigung im didaktischen „Waldorf- Dreischritt“: Nach der Beobachtung und Beschreibung z.B. eines naturwissenschaftlichen Experimentes erfolgen erst nach der unbewußten Verarbeitung im Schlaf am nächsten Tag Wiederholung und Sicherung, so dass die Schülerinnen und Schüler genügend Zeit haben, selbst dem Gegenstand zu begegnen, bevor sie Schlüsse ziehen. In größerem Maßstab wiederholt sich dieses Prinzip im Epochenunterricht: Über einige Wochen lang können die Schülerinnen und Schüler täglich in einen Unterrichtsstoff eintauchen und diesen in Ruhe ausloten, z.B. in der ersten Klasse im 4-5 Wochen-Zyklus Formenzeichen, Buchstabenlernen oder Rechnen, bevor der Stoff zeitweilig ruhen und unbewußt reifen kann, um dann umso intensiver wieder aufgegriffen zu werden. Damit findet der Unterricht im grundegenommen ständig in Projektform statt, was vertiefter geistiger Arbeit entgegen kommt. Das Epochenprinzip durchzieht die gesamte Schullaufbahn bis einschließlich 12. Klasse. Waldorfpädagogik schafft Rhythmen im Großen, indem sie Wert legt auf ein Gleichgewicht von Innen und Außen, von Ich und Gemeinschaft, indem sie zum einen ich-stärkend arbeitet in handwerklich-künstlerischen Fächern, und zum anderen gemeinschaftsstiftend arbeitet in Fächern wie Musik und Eurythmie. Durch das gemeinsame Lernen mit Menschen verschiedener Begabung ohne Zensuren und ohne Sitzenbleiben werden Toleranz und Begegnungsfähigkeiten gefördert, zugleich wird aber auch der Individualität des Kindes eine große Wertschätzung entgegengebracht. Durch die Berücksichtigung der verschiedenen Temperamente in all ihren Schattierungen entsteht ein abwechslungsreicher Unterricht, von dem alle Kinder profitieren. Das Lehrerkollegium bemüht sich in gemeinschaftlichem kollegialem Austausch um eine individuelle Betreuung der Schülerinnen und Schüler, die sich z.B. in verschiedenen Formen der Binnendifferenzierung, wie Förderstunden, Begabtenförderung, Differenzierung im Sprachunterricht oder auch in waldorftypischen Zusatzangeboten wie z.B. Heileurythmie, oder Sprachgestaltung ausdrücken kann.