2. Grundzüge des Lehrplans

2.1 Klassenlehrerzeit (Kl. 1-8)

Grundgedanke des Waldorflehrplans ist es, den Unterricht auf die aus den Lebensphasen der Schülerinnen und Schüler erwachsenden Bedürfnisse abzustimmen. Dies erfordert von den
Lehrerinnen und Lehrern, ausgehend von der konkreten Wahrnehmung des einzelnen Kindes auf den „Subtext“ der Kinder zu lauschen, auf das, was Kinder in einer bestimmten Lebensphase angemeinsamen Fragen haben, auch wenn sie diese altersgemäß nicht verbal formulieren, sondern durch ihr Verhalten und ihre äußere Erscheinung ausdrücken. Hierzu gibt der Lehrplan sozusagen eine „Hörhilfe“ – er ist nicht kategorisch, sondern heuristisch gedacht. Gemäß dem Spruch „Wenn die Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln, wenn sie groß sind, gib ihnen Flügel“ wird zu starkes Intellektualisieren und begriffliches Arbeiten in den ersten Jahren bewußt vermieden. Es hat dann seinen Platz, wenn die Kinder sich selbst aus der Harmonie der ersten Jahre herauslösen und nach den Gesetzen der Welt fragen. Waldorfpädagogik geht davon aus, dass qualifiziertes Urteilsvermögen und soziales Engagement nur dann nachhaltig entwickelt werden können, wenn sie auf genügend gesättigte Sinneserfahrungen in den ersten Schuljahren aufbauen können. Die folgenden Ausführungen orientieren sich am Lehrplan von Tobias Richter (s.o.).

(1) Ankommen: Wo bin ich? Klasse 1-3

Kommen die Kinder in der Schule an, haben sie gerade körperlich einen tiefgreifenden Wandel erlebt (vgl. Richter: „1. Gestaltwandel“4): Die Gliedmaßen sind in die Länge gewachsen, der Zahnwechsel hat begonnen. War es das pädagogische Ziel der Kindergartenzeit, dass sich die Kinder zunächst einmal im freien Spiel entfalten und körperlich gesund entwickeln konnten, ist jetzt – die Schulreife vorausgesetzt – eine größere Wachheit für die Umgebung zu bemerken. Zugleich ist das ursprüngliche Gefühl der Verbundenheit mit der Welt noch vorhanden und das Nachahmungslernen der frühen Kindheit klingt noch nach.
Der Bezug zum Erwachsenen in dieser Zeit ist geprägt durch vertrauensvolle Hingabe – sofern die Kinder ihn durch seine Präsenz, Authentizität und Güte als vertrauenswürdig
empfinden können. Die innere Frage der Kinder könnte lauten: „Siehst Du mich wirklich?“, „Kannst Du mir zu einer Weltbegegnung verhelfen?“5
Kennzeichnend für die Lerndisposition in dieser Lebensphase sind ausgeprägte Lernbereitschaft, starke Gedächtnisfähigkeiten, „Vorstellungskraft, Freude an rhythmischen Wiederholungen und fantasieanregenden Darstellungen“6
Dies bedeutet für den Lehrer als vordringliche Aufgabe, sich in das noch bildhafte Denken der Kinder hineinzudenken und ihnen durch künstlerisch gestalteten Unterricht Vorstellungsbilder anzubieten, mit denen sie sich emotional und nachahmend tätig verbinden können.

Das Motto für den Unterricht ist, den Kindern durch ihre eigene Tätigkeit die Erfahrung der Einmaligkeit, des gegenwärtigen Augenblicks zu ermöglichen, so dass ihnen die Welt zur
Heimat werden kann.

Konkret bedeutet das, dass dieses Präsenzerlebnis alle Unterrichtsfächer durchziehen soll. So sollte eine Geschichte durch die Präsenz und sprachgestalterischen Mittel des Lehrers
künstlerisch möglichst so gut erzählt sein, dass die Kinder tatsächlich eintauchen können, dass sie das, was da geschieht, nicht nur als Text hören, sondern förmlich riechen, schmecken und sehen und fühlen können. Der Weg aus der nicht-schriftlichen, spontanen Zeit des (Kinder)Lebens in die Kulturtechnik des Schreibens wird über Buchstabenbilder gebahnt, die der Lehrer über Geschichten und künstlerisch gestaltete, fantasieanregende Tafelbilder vermittelt. Auf diese Weise findet eine vertiefte Begegnung mit dem Wesen des Buchstabens und seines Klangs statt, die anschließend durch die Schüler im Epochenheft künstlerisch gegriffen und geübt wird. So gewinnt die Schreibtätigkeit einen tieferen Sinn, der zum einen die menschheitsgeschichtliche Bedeutung des Schreibens erfahrbar macht und zum anderen auch viel Zeit bloss mechanischen Übens einspart. Auch der fremdsprachliche Unterricht zielt auf das gemeinschaftliche Erlebnis der Einmaligkeit des Sprachklangs ab. In Reigen und Spielen können die Kinder in die fremde Sprache eintauchen, so dass die spätere schriftliche Arbeit innerlich gesättigt durch Erfahrungen ist. Im Rechenunterricht wird der qualitative Aspekt der Zahl bildhaft herausgearbeitet, so steht z.B. die Eins für die Ganzheit und Einheit, in der alle anderen Zahlen enthalten sind, die Zwei für die Dualität etwa von Tag und Nacht usw. Ein bewegungsmäßiges Element kommt in den Unterricht, wenn z.B. die Einmaleinsreihen in verschiedensten Varianten rhythmisch geklatscht, gestampft, gesprochen werden. Im Aquarellieren mit nassen Farben werden Farbqualitäten spürbar, es wird in den ersten Jahren grundsätzlich aus der Farbe heraus gemalt und nicht vom Umriss her – entsprechend dem noch nicht so klar abgegrenzten Ich-Welt-Verhältnis und dem Ziel, die Einmaligkeit erlebbar zu machen.

(2) Individuation: Wer bin ich? Klasse 4-6

Um das neunte Lebensjahr herum (3./4.Kl.) erleben viele Kinder eine Krise: das Ich-Welt- Verhältnis verschiebt sich. Die Welt wird nicht mehr als Mitwelt, sondern stärker als von mir
selbst verschiedene Umwelt erlebt. Plötzlich wird man der eigenen Individualität gewahr. Dieses Zerbrechen der Einheit, das auch als „Verlust des Paradieses“ bezeichnet wird (Richter, S. 91), hat Einsamkeitsgefühle und Zweifel zur Folge, aber auch die neue Fähigkeit, die eigene Position in Zeit und Raum deutlicher wahrzunehmen.
Der Bezug zum Erwachsenen in dieser Lebensphase ist hinterfragend, prüfend. Dahinter steht der Wunsch, dass der Erwachsene auch kritischer Prüfung standhält, dass seine Handlungen gut begründet sind und er somit als vertrauenswürdig akzeptiert werden kann.

Die innere Frage könnte lauten „Bist du echt? Kann ich dir vertrauen?“
Die Lerndisposition ist offen und interessiert; einerseits entsteht ein Hunger nach Erfahrungen und Inhalten, die dem Bedürfnis, sich von anderen zu unterscheiden, entgegenkommen (Zeitbezug und Kausalitätsdenken), andererseits das Bedürfnis, sich durch eigene Tätigkeit mit der Welt wieder neu zu verbinden.
Dies bedeutet für den Lehrer die Aufgabe, die Schüler auf der Sachebene abzuholen, aber auch, sich selbst Kritik und Prüfung auszusetzen und den Schülern zu helfen, mit den Unvollkommenheiten der Erwachsenen zu leben v.a. durch die Aufdeckung ihrer eigenen Handlungsmöglichkeiten.

Das Motto für den Unterricht ist, dem neu erworbenen Bedürfnis nach der Positionierung in Zeit und Raum (Kausalitätsdenken) zu entsprechen (Bestärkung des Ich-Erlebens) und
zugleich durch Lernen mit Kopf, Herz und Hand und durch den Bezug aller Inhalte auf den Menschen neue, selbstgestaltete Wege zur Welt zu eröffnen.
Konkret bedeutet das, dass die zeitliche/kausale Dimension alle Unterrichtsfächer durchzieht. Im muttersprachlichen Unterricht zeigt sich dies in der Einführung der zeitlichen Dimension der Grammatik (Konjugationen) und der eigenen Positionierung durch direkte/indirekte Rede, sowie Aktiv und Passiv. Im Mathematikunterricht findet sich das Zerbrechen der Einheit bildhaft in der Bruchrechnung wieder. Die Einführung des Faches Geschichte in der 5. Klasse steht in direkter Beziehung zur neuerworbenen Fähigkeit, über die eigene Gegenwart hinauszuschauen. Auch die neueingeführten naturwissenschaftlichen Fächer Geographie ab Kl. 5 und Physik ab Kl. 6 tragen per sedem Kausalitätsbedürfnis der Kinder Rechnung. Ausgegeglichen wird dieser intellektuelle Einschlag durch die künstlerisch-praktischen Fächer, die durch eigene Arbeit einen neuen, selbst gestaltenden Bezug zur Außenwelt ermöglichen. Aus diesem Grund werden in der 6. Klasse die Fächer Gartenbau und Holzwerken neu eingeführt: Beim Gärtnern lassen sich Ursache und Wirkung, Zeit und Raum am Wachstum der Pflanzen praktisch erfahren, wobei zugleich die Willenskräfte (im Sinne von Selbstüberwindung) und das Verantwortungsgefühl angesprochen werden. Die Begegnung mit dem Werkstoff Holz ermöglicht die Erfahrung, durch eigene Kraft selbst auch Verursacher zu sein und zugleich die Erkenntnis, dass gutes Gelingen von sachgemäßer Tätigkeit abhängt.

(3) Entdeckungen: Wie funktioniert das hier und was kann ich tun? Klasse 7-8

Haben die Kinder das Zerbrechen der Einheit um das neunte Lebensjahr herum erlebt und nach und nach zu einem neuen Gleichgewicht gefunden, das seinen Höhepunkt um das 12. Lebensjahr herum hat, steht schon gleich die nächste Krise an: wiederum beginnt sich der Körper zu verwandeln („2. Gestaltwandel“): Skelett und Muskeln wachsen, der neue Körper wird lang und schlaksig – und ist plötzlich viel schwerer. Man „hängt durch“, muss gegen die Schwerkraft anarbeiten. Widersprüchliches ist typisch für diese Lebensphase: äußere Inaktivität korrelliert mit innerer „Grübelarbeit“, die Fähigkeit zum kausalen Denken mit großer Verletzlichkeit und Unsicherheit.
Die innere Frage in dieser Lebensphase könnte lauten „Welche Gesetze liegen der Welt zugrunde?“ und „Was kann ich tun, wo ist Raum für meine Kraft?“
Die Lerndisposition in dieser Lebensphase besteht in der Fähigkeit der Zusammenschau / des logischen Schließens, bedarf aber der Fantasie und des Mutes, gewohnte Standpunkte zu verlassen und andere Hypothesen auszuprobieren.
Dies bedeutet für den Lehrer, sowohl das kausale Denken anzusprechen, als auch die Fantasie und die Willenskräfte.

Das Unterrichtsmotto dieser Zeit lautet: Es gibt vom Menschen unabhängige Gesetzmäßigkeiten, die sich entdecken lassen, wenn man den gewohnten Standpunkt aufgibt und andere Perspektiven einnimmt.
Konkret heißt das, dass Standortwechsel und die damit verbundene Selbstüberwindung die Methodik des gesamten Unterrichts durchziehen, dass um Erkenntnisse gerungen werden muss („Grundfigur des wissenschaftlichen Tuns“). Methodisch geübt wird dieser Perspektivwechsel am plakativsten im Zeichenunterricht mit der Einführung der Fluchtperspektive der Renaissance, letztere wird zugleich im Geschichtsunterrichtbehandelt, dessen Hauptthema zunächst die Frühe Neuzeit mit dem Wechsel vom Heliozentrischen zum Geozentrischen Weltbild, den Entdeckungsreisen, sowie dem Beginn des modernen naturwissenschaftlichen Denkens ist. Die anschließende Behandlung der Industrialisierung hebt den Menschen als Gestalter seiner Umwelt hervor. Auch wenn im Mathematikunterricht Wurzeln gezogen und Potenzen gebildet werden, sind damit Perspektivwechsel verbunden. Im Physikunterricht ist das Hauptthema die Mechanik – an den Gesetzen der Schwerkraft lässt sich modellhaft physikalische Hypothesenbildung erüben. Im Chemieunterricht ab der 7. Klasse steht das Feuer in seiner Fähigkeit, Stoffe zu verwandeln im Mittelpunkt, was auch der kulturgeschichtlichen Entwicklung entspricht. Der naturwissenschaftliche Unterricht ist zunächst primär phänomenologisch und wird erst in der 8. Klasse in einen wissenschaftlicheren Umgang überführt. Das Selbstüberwindungsmotiv findet sich vor allem im Gartenbauunterricht, sowie im abschließenden Theaterprojekt und den individuellen Jahresarbeiten in der achten Klasse.

2.2 Oberstufe (Kl. 9-12)

Mit dem abgeschlossen körperlichen Wandel der Pubertät verändert sich die Innnenwahrnehmung. Nachdem man mit äußerem Wachstum und Reifen beschäftigt war, wird nun der Blick für das Innere frei: Diese stärkere Wahrnehmung des seelischen Eigenerlebens befähigt das Ich, zu sich selbst in Beziehung zu treten und diese Beziehung zu gestalten. Dieser Vorgang wird auch als dritte Geburt bezeichnet: Geburt des Empfindungs/Seelenleibes („Astralleib“). Während Seelisches vorher auch schon implizit da war, wird man sich dessen nun deutlicher gewahr und kann dazu eine Haltung einnehmen. Damit einher geht die Fähigkeit, auch mit den Mitmenschen anders in Beziehung zu treten, sowie auch die Aufgabe, an der eigenen Selbstwahrnehmung, Selbststeuerung und Beziehungsfähigkeit zu arbeiten14. Im Zentrum des Oberstufenunterrichts steht daher die Entwicklung der Urteilsfähigkeit15.

(1) Suche nach Idealen – Kl. 9

Während die Jugendlichen in dieser Zeit noch mit den letzten Ausläufern der Pubertät beschäftigt sind, könnte als innere Frage dieser Lebensphase hörbar werden: Was kann mir Anlass geben, mich zu überwinden? Und: Wie kann ich meine eigene Sprache finden?

Die Lerndisposition besteht in der Fähigkeit, nach Idealen und Gesetzmäßigkeiten zu fragen und das Handeln ansatzweise danach auszurichten. Während man zugleich nach dem Idealen fragt, aber spürt, wie schwer es ist, danach zu handeln, kann das Motiv „Verantwortung“ und „Pflicht“ als Motor entdeckt werden, der dazu befähigt, die eigene Schwerfälligkeit zugunsten eines Ideals zu überwinden.

Für den Unterricht bedeutet das, dass die Begegnung mit Idealen den Unterrichtsstoff durchzieht und zugleich ein Gegengewicht in den praktischen Unterrichtsfächern erfährt. So wird im Fach Geschichte verfolgt, wie Ideale zu Revolutionen führten; ergänzend dazu werden im Physikunterricht am Beispiel der großen Ideen und Erfindungen des 19. Jahrunderts die Wärme- und Elektrizitätslehre eingeführt. Wird in der ersten Deutschepoche Ideales und Klassisches am Beispiel von Goethe und Schiller thematisiert, federt die sogenannte „Humorepoche“ den Ernst der Lage ab und hilft, in die Leichtigkeit zu kommen und neuen Mut für das Handeln zu gewinnen16 Im Fremdsprachenunterricht begegnet Ideales in der Behandlung von Biographien; im Mathematikunterricht in der Besprechung der Platonischen Körper. Ergänzend wird in der Kombinatorik logisches Schließen geübt. Dem jugendlichen, von Idealen geprägten „Schwarz-Weiß-Denken“ verleiht im wahrsten Sinne des Wortes die Schwarz-Weiß- Zeichnung im Kunstunterricht Ausdruck. Auch der Musikunterricht arbeitet mit Kontrasten: hier sind Komponistengegenüberstellungen wie Mozart-Beethoven, Bach- Händel Thema; aber auch Wege und Umwandlungsprozesse werden aufgespürt, z.B. die Metamorphose vom Barock zur Klassik. Metamorphosen sind ebenfalls Thema des Chemieunterrichts: hier liegt der Schwerpunkt auf Verbrennungs- und Verschwelungsprozessen, sowie der Entstehung von Erdöl. Ein notwendiges Gegengewicht zum Thema Ideale bildet die praktische Arbeit im Landwirtschaftspraktikum als besonderer Form des Gartenbauunterrichtes, sowie im Handwerksunterricht. Auch der Geographieunterricht trägt mit dem Thema Mineralogie (Bodenstruktur der Erde) dazu bei, die Schülerinnen und Schüler buchstäblich zu erden.

(2) Sicherheit durch Sachbezug – Kl. 10

Das allmähliche Abklingen der inneren Unruhen der Pubertät geht einher mit einem realistischeren Blick für die Umwelt und damit auch einem Bewußtwerden, dass es um die tatsächliche Realisierung der Ideale gar nicht so gut bestellt ist. Hinter äußerer Skepsis, Befürchtungen und Pessimismus könnte der innere Subtext hörbar werden „Zeigt mir, dass es nicht so ist!17. Zeige mir, wie ich zu wahren Erkenntnissen kommen und handlungsfähig bleiben kann!“
Unterrichtsmotto ist nun, Urteile nicht mehr schwerpunktmäßig an Idealen auszurichten, sondern auf „Sachbezug, Kausalität und in Beziehung-Setzen von Phänomenen“18 zu gründen. Konkret bedeutet das, dass das Motiv des Sachlichen, häufig in Form des Zählens und Messens das fächerverbindende Element darstellt. In die Mathematik hält praktischer Lebensbezug Einzug im Landvermessungspraktikum, in der Chemie in der Einführung der „messenden Chemie“19. Gemäß dem Sprichwort „Wer Angst hat, soll zählen“ können Erkenntnisse nun auf genaues Messen gegründet werden. Auch das neue Unterrichtsfach Sozialkunde sorgt für Erdung, indem v.a. das Arbeits- und Wirtschaftsleben in den Mittelpunkt gestellt werden. Ergänzend sensibilisiert der Kunstunterricht für die Erkenntnis, dass die Welt eben nicht nur aus Schwarz und Weiß besteht, indem dort z.B. geübt wird, Schwarz-Weiß-Motive in Farbe umzusetzen. Der Geschichtsunterricht stellt den Zusammenhang von Mensch und Umgebung in der Urund Frühgeschichte (neolithische Revolution) hervor und zeigt kulturhistorisch auf, wie der Mensch mehr und mehr aus dem Zusammenhang der Sippe heraus emanzipiert20 .

(3) Standpunkt finden im Für und Wider – Kl. 11

Während sich allmählich das Selbstgefühl festigt, rückt die eigene Biographie, der eigene Standpunkt immer mehr in den Blickwinkel. Das Bewußtsein entsteht, dass nicht alles durch Messen zu beantworten ist, sondern die Notwendigkeit besteht, den eigenen Standpunkt im Raum von Freiheit und Verantwortung zu verorten.
Als innere Frage könnte hörbar werden „Wie schaffst Du es, mit offenen Fragen zu leben? Wenn nicht alles kausal bestimmt ist, wie kann ich meinen Standpunkt finden?“ Die Anforderung an den Lehrer ist nun, greifbar und sichtbar zu sein als jemand, der selbst sucht, fragt, lernt, ringt und wächst. Unterrichtsmotto dieser Zeit ist, durch Gegenüberstellungen von Ideal und Realität, von verschiedenen Positionen, von Subjektivität und Objektivität von Mikrokosmos und Makrokosmos den Raum zu eröffnen, verantwortlich ein eigenes, differenziertes Urteil zu bilden. Konkret bedeutet das, dass dialektisches Arbeiten und wechselnde Blickrichtungen die Unterrichtsmethodik bestimmen. So wird z.B. in der Biologie die Blickrichtung vom mikroskopisch Kleinen ins makroskopisch Große der Biosphäre „umgestülpt“, Physik und Chemie ermöglichen die gedankliche Begegnung mit der unsichtbaren atomaren Ebene, der Mathematikunterricht durch die Beschäftigung mit der projektiven Geometrie die gedankliche Begegnung mit der Unendlichkeit. Gegenüberstellend arbeitet auch der Geschichtsunterricht, der nun Austausch, Konfrontation und wechselseitige Beeinflussung der großen Kulturen und Weltreligionen in Antike und Mittelalter thematisiert. Auch Musik- und Kunstunterricht heben Polaritäten hervor. Begleitend können die Schülerinnen und Schüler Orientierungs- und Ausdruckshilfen für den eigenen Standpunkt finden bei der Beschäftigung mit den Themen des Parzival-Epos im Deutschunterricht (der „Weg des Einzelnen durch die Stufen von Versagen, Schuld, Sühne und Gnade“21, sowie im künstlerischen Unterricht, wenn beim Malen, Plastizieren und in der Eurythmie nun mehr der Ausdruck seelischer Stimmungen im Vordergrund steht.

(4) Urteilsbildung im Überblick – Kl. 12

In der zwölften Klasse sind die Schülerinnen und Schüler zu jungen Erwachsenen geworden, die als rechtsmündige Bürger am gesellschaftlichen und politischen Leben teilnehmen.
Als innere Frage könnte hörbar sein „Wie wirke ich als einzelner Mensch konkret auf soziale, wirtschaftliche, technische und politische Gegebenheiten ein? Wo ist mein Standpunkt?“22
Gemäß dem zentralen Anliegen der Waldorfpädagogik, durch gleichberechtigte Förderung von Verstandes-, Gefühls- und Willenskräften im Laufe der Schulzeit die heranwachsenden Menschen zu befähigen, auch und gerade in Krisenzeiten selbst Sinn und Wege aufzufinden oder neu zu schaffen und auch tatsächlich zu gehen wird in der zwölften Klasse, die den Abschluss der eigentlichen Waldorfschulzeit bildet, noch einmal ein großer Bogen geschlagen.
Unterrichtsmotto der mehr theoretischen Fächer ist die Befähigung zum eigenen Urteil auf der Basis umfassenden Gesamtwissens und unter Reflexion der eigenen Vorannahmen. Konkret heißt das, dass Überblicksbildung und die Schulung des beweglichen Denkens (kritisch/analytisch wie auch synthetisch/ideen-schaffend) den gesamten Unterricht bestimmen, wobei vielfach auch fächerverbindend gearbeitet werden kann. Im Zentrum steht dabei der Mensch in seiner Verwantwortung für die Erde. So bietet z.B. der Biologieunterricht einen zusammenfassenden Überblick über Botanik und Tierkunde mit Perspektive auf den Menschen. Auch in den Fächern Geographie und Sozialkunde wird zusammenfassend gearbeitet, wobei ein konstruktiver Blick auf die großen Menschheitsprobleme versucht wird. Im Fach Deutsch wird ein literaturgeschichtlicher Überblick, im Fach Geschichte ein kulturgeschichtlicher Abriss gegeben, wobei sowohl geschichtskritische Fragestellungen erübt werden (analytisches Denken), als auch die eigenen individuellen Möglichkeiten, die Gegenwart mitzugestalten bedacht werden (synthetisches Denken). Die Fächer Physik und Chemie gruppieren Überblickswissen ebenfalls mit Blick auf den Menschen, wenn z.B. Eiweiße, Kohlenstoff- und Kernchemie behandelt werden, oder wenn im Bereich der Optik den verschiedenen Erklärungsmodellen auch die goethesche Farbenlehre als eine am vom Menschen ausgehende Sichtweise behandelt wird. Der Mathematikunterricht führt mit der Integral- und Differenzialrechnung an die Grenzen des Vorstellbaren; des Weiteren bietet sich eine fächerverbindende Epoche aus Mathematik, Botanik, Astronomie, Embryologie und Geometrie an. Eine weitere Möglichkeit für fächerverbindendes Arbeiten ist eine Kunstreise mit dem Schwerpunkt Architektur. Die künstlerisch-praktischen Fähigkeiten werden in einer Jahresarbeit, in einer Eurythmieaufführung und der Einstudierung eines Theaterstücks zu einem Höhepunkt gebracht. Ein Sozialpraktikum ergänzt den theoretischen Unterricht.

2.3 Besonderheiten der Freien (Waldorf)Schule Rheine

… im Unter- und Mittelstufenbereich (Kl.1-8)

– Wald- und Naturpädagogik: integrierter Waldtag im Primarstufenbereich
– Unterrichtsbeginn ab 8.30 Uhr, vorher betreute Spielzeit nach Bedarf
– Offenes Ganztagsangebot im Primarstufenbereich, Gebunder Ganztag ab Kl. 5
– Vielfältige Angebote in der offenen/gebunden Ganztagsbetreuung: Geplant sind
Instrumentalunterricht, Sprachen-AGs (z.B. Spanisch, Niederländisch), Zusammenarbeit mit
Institutionen des örtlichen Kulturlebens und des Vereinssports, ggf. Zirkusprojekt

… im Oberstufenbereich (ab Kl. 9)
– Geplante Zusammenarbeit mit örtlichen Handwerksbetrieben für ein umfangreiches
Praktikumsjahr in der 9. oder 10. Klasse
– Vorgesehen ist die Einrichtung einer Abiturklasse in Kl. 13, bzw. bei einer stärkeren
Gewichtung des berufsvorbereitenden Elements in Kl. 14