Das Thrymlied – Theaterprojekt in der Klasse 5

Zu Beginn der Aufführung am Tag der offenen Tür am 2. Oktober warnte ein Polizist auf der Bühne das versammelte Publikum vor den moralischen Fehltritten der Götter. Dann betraten Asen, Wanen und Riesen aus der nordischen Mythologie feierlich die Aula. „Lausche, was ich, Loki, dir sage, was niemand noch vernahm auf Erden, noch auf Himmels Höh´n: Mein Hammer ist gestohlen!“, rief dort der mächtige Gott Thor, als er aus seinem Schlaf erwachte. Doch der gewitzte Loki wartete nicht lange, lieh sich von Freya das Federkleid und nahm sofort die Verfolgung des Diebes auf. Niemand anderes als der mächtige Thursenkönig und Riese Thrym hatte den Hammer gestohlen: „Verhohlen hab ich den Hammer Thors unter der Erde wohl acht Meilen. Wieder heimwärts holt ihn niemand, führt man als Frau mir Freyja nicht her“, lacht er Loki ins Gesicht. Doch Freya weigert sich, diesen groben Klotz zu heiraten: „Die Mannstollste müßte ich sein, reist´ ich mit dir nach Riesenheim!“. Der ehrenvolle Götterrat wird
einberufen, denn der Hammer muss zurück in die Hände der Asen, wenn das Gleichgewicht gewahrt werden soll.

Drei Wochen zuvor standen noch keine Götter, sondern eine neue Klassengemeinschaft an dieser Stelle, die sich durch intensive Gruppenarbeit Stück für Stück die Bühnenbretter eroberte. Durch Spiele und Übungen füllte sich der Bühnenraum mit immer mehr Präsenz.


Aus Schülerinnen wurden Götter und Göttinnen, Riesen und Wanen, die in einer Sprache sprachen, die an den historischen Stabreim des Originals angelehnt ist. Durch tägliches Singen und Sprechen erarbeiteten wir uns das Stück aus der historischen Lieder-Edda und füllten den Text mit Leben. Die Schülerinnen diskutierten mit uns über jede Rolle und jede Szene.
Kostüme wurden zusammengestellt und genäht, Requisiten erfunden und teilweise im Werkunterricht oder zuhause gebastelt. Für jede Figur hat die Klasse eine eigene Sammel-Karte gestaltet. Die Informationen dazu lasen einige Kinder begeistert aus den nordischen Mythologien heraus. Auch der Chor suchte sich selber Götternamen aus den langen Namenslisten der überlieferten Namen der Asen.

Der weiseste im Götterrat ist Heimdall – in unserer Aufführung eine weibliche Figur. Ihr göttlicher Vorschlag zur Lösung des Problems ist dann eine ganz besondere List: „Binden wir Thor mit Brautlinnen! Er trage den breiten Brisingenschmuck! Lassen wir Schlüssel am Leib
ihm flirren und Frauenkleider aufs Knie fallen und breite Steine auf der Brust liegen, türmen wir hoch den Hauptschmuck ihm!“. Thor ist empört: Als Frau verkleiden? Doch er muss es tun, um die Welt zu retten – so wird er als Braut ausstaffiert, samt Brautkrone und Gesichtsschleier. Das Publikum ist begeistert. Mit Loki, verkleidet als Dienerin, fährt er im
Ziegenwagen zum Thursenkönig. Die Trommeln dröhnen, „es brennt der Grund. Aus fährt da Thor nach Riesenheim“, ruft der Chor laut in die Aula. Doch Thrym merkt von alledem nichts.
Die List gelingt. Er freut sich schon auf die prächtige Hochzeit und seine Schwester überreicht der Braut den Hammer. Da springt Thor auf, wirft den Schleier von sich und schreitet zur Tat: „Das Riesengeschlecht erschlug er ganz.“ Das Gleichgewicht ist somit wieder hergestellt: „Doch kommt auch ein Ende unserer Götterzeit: Ihr Menschen müsst friedlicher dann miteinander walten und eure große Zeit gemeinsam gestalten!“

Es gab begeisterten Applaus für diese starke Leistung einer neuen
Klassengemeinschaft, die noch den Anwesenden singend den Hinweis gab: „Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein!“.


Text und Projekt: Clara Beutler unterstützt durch Samuel Beutler, Mareike Heine und Keva Benning